Neben mir…

Veröffentlicht: 16. Oktober 2018 in Gedanken, Leben
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Sie sitzt neben mir. Wir unterhalten uns über Zahlen, Daten, Fakten. Ich mache das gerne auf diese Weise. Ich meine, ich versuche meine Mitarbeiter gerne im Gespräch über komplexe Zusammenhänge auf den Weg zu bringen. Ich frage, diskutiere verschiedene Wege, unterschiedliche Interpretationen der bekannten Informationen. Dabei kann ich sehr gut feststellen, was in der nächsten Zeit vertieft werden muss, welche Zahlen ich mir vielleicht noch mal ansehen sollte und auch wo noch viel Arbeit in die Ausbildung fließen sollte.

Dieser Tag war irgendwann vor drei Monaten.Warum erzähle ich das, was ist daran besonders?

In dieser Stunde habe ich es erstmals gespürt. Es ist dieses Wohlfühlen, dieses Vertrauen, dieses Unsichtbare.

Sie, viel zu jung oder ich viel zu alt. Geboren als ich mit meiner Ex-Frau bereits ein Paar war. Kennen tue ich sie schon etliche Jahre. Hab ihr und der Lady mal im Spaß gesagt: „Ihr seid Hanny und Nanny“. Hab mit ihr geschäkert und gelacht. Als sie dann gekündigt hat, hab ich sie erstmalig umarmt und ihr versprochen, dass wir uns schneller wiedersehen als wir denken können. Drei Monate später stand sie mit einem verlegenen Lächeln in meinem Büro, sie war wieder da.

Ich hatte in den Wochen vor ihrer Kündigung bemerkt welches Potential in dieser jungen Frau steckt. Allerdings war mir klar, dass sie in dem Bereich nicht gefördert werden würde, es gab nur keine Möglichkeit sie in meinen Dunstkreis zu bekommen.

Jetzt nach diesem Neuanfang konnte ich das erreichen.

Eines Tages hat sie den Schreibtisch in meinem Team eingerichtet und einfach nur „danke“ gesagt.

Sie hat dieses Vertrauen sofort zurückgezahlt. Sie hat gelernt, gefragt; gelernt, geackert; gelernt, getan. Bald stand mein engster Mitarbeiter (den ich viel lieber als besten Kollegen bezeichne)  in meinem Büro und hat seinen Irrtum und meinen Riecher bekannt.

Sie sitzt neben mir. Wir unterhalten uns über Zahlen, Daten, Fakten.

(…)

Dieser Tag war irgendwann vor drei Monaten.

Ich hatte Zeit. Höckschen und Stöckschen hatten auch noch Platz. Sie erzählte, ich erzählte, sie fragte, ich fragte, sie lachte, ich lachte, sie lächelte, ich lächelte.
An diesem Abend bin ich sehr glücklich nach Hause gefahren.

Seither gab es viele solcher Stunden.

Verändert hat sich ihr Blick mit dem sie mich ansieht, vertieft hat sich dieses zärtliche Gefühl das mich befällt wenn sie in meiner Nähe ist, verstärkt hat sich das sanfte Ziehen meiner Bestie an der Leine.

Vertrauter werden unsere Gespräche. Es folgte die gemeinsame Dienstreise. 6 Stunden zu zweit im Auto. Noch mehr von ihr, noch mehr von mir erzählt und gehört. Dann Abendgesellschaft mit Geschäftspartnern, verwirrt und alleine im Zimmer länger wach als schlafend im Bett gelegen. Tage danach habe ich für die Karriere ihres Freundes  seine Erkundigungen über ihre Fragen beantwortet.

Es folgen Tage die dieses unerklärliche Band immer weiter weben. Ich habe keine besseren Bilder als diese leicht Kitschigen. Es fühlt sich an als verfange ich mich immer tiefer in einem Netz das am Ende mich zerreist oder dem am Ende ich vielleicht gar nichtdoch noch entkomme.

Heute, ganztägig Workshop, sie neben mir. Es war ein gute Gefühl. In mir tröpfelten die Bilder durch den Nebel meiner Fantasien, meiner Träume.
Bilder voller Zärtlichkeit, Bilder voller Wohlfühlen, Bilder voller Lust, Bilder voller Vertrautheit, Bilder voller Nähe.

Doch…

Chef bin ich. Sie ist meine Mitarbeiterin. Ich habe Grenzen zu achten. Es ist der Zwiespalt zwischen meiner Bestie und meiner Vernunft. Es ist das Spannungsverhältnis zwischen Bedürfnis und Mißbrauch, zwischen Grenze und Vertrauen

Es ist die Frage – WIE WEIT WILLDARF ICH GEHEN?

Morgen:

Neben mir sitzt sie und ich steh neben mir.

 

 

 

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Kommentare
  1. Bert sagt:

    Mag sein dass Du Chef bist. Mag sein, dass sie Deine ‚Untergebene‘ ist. Mag sein, dass es in Eurer Firma / Eurem Unternehme ‚Etikette‘ gibt. Aber das sind Rollen. Du und sie – ihr seid Menschen.
    Die einzige Frage, die ich zu dem Eintrag habe: Gibt es da eine Gefühlsgegenseitigkeit?

    • 64er sagt:

      Firmenetikette ist nicht mein Problem. Die Frage die Du aufwirfst ist die, die ich mir selbst stelle. Ist ihr Gefühl mit meinem vergleichbar oder ist eher freundschaftliche Nähe.
      Das herauszufinden erfordert weiterhin Fingerspitzengefühl. In „freier Wildbahn“ ist das vergleichsweise einfach.
      Im Umfeld unserer Rollen und des Altersunterschieds ist jedoch das (vermeintliche) „Machtgefälle“ durchaus ein Faktor.

      Sie hat einen Partner, das geht in meinem Text etwas unter. Muss zwar kein Hindernis sein, allerdings hat sie bisher nie von Problemen mit ihm geredet.

      • Bert sagt:

        OK, das mit dem Partner wirft ein neues Licht. Da könnte es ja sein, dass sie ’nur testet‘, Guck genau hin – aber ich glaube, Dein Bauch weiß eh schon die Antwort.

  2. rotesuende sagt:

    Eine zarte aufblühende Romanze. Und so schön dargelegt. Ich kann Deine Aufregung und Verunsicherung direkt fühlen.
    Ich stimme „Bert“ zu. Es sind nur Rollen. Am Ende zählt nur das gegenseitige Gefühl – wenn es denn da ist.

    • 64er sagt:

      Ja, liebe Anna, am Ende zählt das Gefühl, und zwar das, das übrig bleibt. Es kann süß werden oder zu bitterer Galle werden. Das Gefühl, der Verdacht des (Macht-)Mißbrauchs ist nun mal in meiner Stellung nicht unerheblich. Ich bin nicht nur irgendein Abteilungsleiter.
      In diesem Umfeld tanze ich grade auf der Schneide eines sehr scharfen Schwerts.
      Tanzen ist aufregend, das ist das Gute.

      • rotesuende sagt:

        Aus ähnlichen Gründen gehe ich ja auch im Beruf nicht auf die Jagd. Auch aus Angst vor beruflichen oder gesellschaftlichen Kosequenzen.
        Gieß das zarte Blümchen vorsichtig weiter. Und wenn es wächst, dann scheiß auf gesellschaftliche Konvention.
        Entschuldige bitte den Ausdruck Konvention.
        Ich wünsche Dir eine aufregende Zeit beim Tanz auf der Klinge.

  3. Ich schätz deine Antennen feinfühlig genug, um mit viel Gespühr und ohne hastige Überstürzung herauszufinden, was es ist, das da zwischen euch prickelt.

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