Schuld

Veröffentlicht: 28. April 2022 in Gedanken, Leben
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Kann man Schuld relativieren?

Ich frage mich ist der, der Beihilfe zum Verbrechen leistet, zum Mord weniger Schuld als der, der am Ende den Tod verursacht. Das Strafrecht sieht das so.
Ist derjenige der nicht hilft den Mord zu verhindern, der wegsieht weniger Schuld am Tod?
Das Strafrecht sieht auch das so, ja dessen Schuld ist im Strafrecht sogar kleiner als die des Unterstützers.

Meine schnelle Antwort ist das Strafrecht macht das genau richtig.
Wenn ich mich jedoch hinsetze und Szenarien durchspiele, beginne ich an diesem zunächst klaren Sachverhalt zu zweifeln.
Hat der Helfende den Mord nicht aktiv ermöglicht? Ja, ist nicht erst durch die Beteiligung der Mörder in der Lage gewesen seine Tat zu begehen? Kann es sein, dass der Helfer am Ende einen höheren Anteil an der Tat hat, weil er Mörder und Opfer beim Weg in den Abgrund geholfen hat?
Wie ist es mit dem Wegschauenden?
Wiegt seine Rolle womöglich deutlich schwerer als die der Aktiven? Hat er nicht die Möglichkeit verstreichen lassen, die Tat zu verhindern. Welchen Grund hatte er für sein Nichtstun? Warum hat er sich einfach so davongestohlen, keine Hilfe geholt, ist dem Opfer nicht zur Seite gestanden, hat so getan als wäre er nicht da? Hat er nicht drei Menschen im Stich gelassen, Opfer, Helfer und Täter?
Wie schwer wiegt wessen Schuld, wenn man das durchdenkt?

Unser Geist, unsere Psyche jedenfalls sieht die Frage der Schwere der Schuld nicht so eindeutig wie das Strafrecht.
Leider finde ich die Quelle nicht mehr, jedoch habe ich vor gar nicht langer Zeit gelesen, dass die Gefahr eines Traumas nach einem Gewaltakt den man direkt miterlebt hat umso größer ist, je weniger man aktiv war. Wenn das Trauma, also durch unser Gewissen uns mit den Bildern immer und immer wieder verfolgt, was sagt das dann aus?

Ich weiß es nicht! Ich werde auch nichts implizieren!

Es war 1982. Ich war geladen. Geladen mein Gewissen zu beweisen.
Ich hatte den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen verweigert. War der letzte Jahrgang der seine Gewissensgründe schriftlich darlegen musste und dann Wochen später zusätzlich vor einem Prüfungsausschuß diese Gründe zu beweisen hatte.
Natürlich war die Legitimation dieser Personen vor denen man als junger Mann das Innerste ausbreiten sollte eine Noble. Natürlich konnten diese Inquisitoren den „Drückeberger“ von dem unterscheiden, dessen Gewissen so beschaffen war, dass er lieber rot als tot…
Es war ein absurdes, schmieriges Verfahren bei dem man auch dann ein fahles Gefühl hatte, wenn die Gewissensgründe anerkannt wurden.
Eine meiner Antworten beschäftigt mich bis heute – die Frage tut an dieser Stelle nichts zur Sache.
Ich habe damals sinngemäß geantwortet, dass ich, egal wie ich handle oder was ich unterlasse, schuldig werde. Mein Gewissen jedoch belade ich mit weniger Schuld wenn ich den potentiellen Aggressor angreife, viellicht sogar töte, als wenn ich sehend in Kauf nehme wie der Aggressor verletzt, verstümmelt oder mordet.

Damals war das alles sehr abstrakt. In Europa lebten wir seit fast vierzig Jahren in Frieden, wenigstens westlich des eisernen Vorhangs. Wir beschäftigten uns mit saurem Regen, protestierten gegen immer neue Kernkraftwerke, standen in einer mehr als 80km langen Menschenkette zwischen Ulm und Stuttgart um gegen das atomare Wettrüsten zu demonstrieren.
Jahre später fiel dieser eiserne Vorhang!
Viele Menschen, auch ich, haben geweint vor Glück.
Wandel durch Handel war das was in den 90er Jahren begann und ein Erfolgsrezept für die Annäherung der Völker wurde. Die Störungen dieser friedlichen Koexistenz in den 2010er Jahren, konnten, zumindest aus Sicht der nicht unmittelbar Betroffenen, schnell beseitigt werden.
Die Kriege unserer Verbündeten waren weit weg und schließlich dazu da gefährliche Despoten zu stürzen und Freiheit in die Welt zu bringen, da konnten wir uns dann irgendwann ruhigen Gewissens beteiligen (In diesem Zusammenhang empfehle ich mal mit Willy zu reden).

Plötzlich ist das Grauen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft angekommen.

Der Tyrann bedroht die Freiheit der Menschen in der Ukraine. Putin schickt seine Truppen um die Ukraine anzugreifen, die Menschen zu töten, Freiheit zu nehmen und Unterdrückung zu etablieren.

Ich bin kein Politiker, kein Experte für Krieg, Waffen und Mord.

Ich fühle mit den Menschen in der Ukraine und den Millionen die vor dem Sterben flüchten. Es ekelt mich an, wenn ich von den Massakern und Verbrechen lese. Ja, ich bin mir bewusst, dass viele Berichte nicht unabhängig überprüfbar sind, mir wird jedoch schon schlecht wenn nur 10% wahr ist.

Ich sorge mich. Ich bin zutiefst beunruhigt wenn ich die Kriegsrhetorik erlebe, die augenblicklich durch die sozialen Medien schwappt und die in vielen Zeitungen, Nachrichtenformaten immer weiter angeheizt wird. Manches erinnert mich an die Hurra-Rufe als der erste Weltkrieg ausbrach.

Ich glaube wir tun gut daran genau zu überlegen welche Schritte wir gehen. Der Nächste kann auf der sprichwörtlichen Miene enden, von der wir nicht mehr runter kommen.

Ich weiß, dass wir helfen müssen, wollen, auch mit Waffen. Wer wegsieht, wer tatentlos zusieht, wird am Ende nicht weniger Schuld auf sich geladen haben.

Ich bin froh um mahnende Worte, auch wenn ich anderer Meinung bin. Denn das ist es wofür ich lebe und an was ich glaube: Die Freiheit des Denkens, des Redens und des Handelns in Verantwortung vor unserem Nächsten

Ich hoffe es gibt Ideen für ein Zusammenleben danach!

Ich bete.

Und das hier muss laut gehört werden!

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