5555 oder Das Ende der Strooßekööter

Veröffentlicht: 17. August 2019 in Aktuelles, Leben
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Der Riff setzt ein. Ein dreistündiges Fest mit der Band, die in Deutschland wie wohl keine andere Stellung bezog und bezieht, beginnt.

Mittendrin, naja eher weit vorne ein kleiner alter Mann, der sich die Seele aus dem Leib tanzt, tobt und singt. Einer meiner Träume ist in Erfüllung gegangen. Ich wollte BAP unbedingt noch einmal live sehen. Wer weiß wie lange das noch geht, schließlich hat Wolfgang Niedecken mittlerweile 68 Jahre auf dem Buckel. An diesem Abend aber wirkt er jung. Er hat immer noch dieses schelmische Lächeln, wenn ihm etwas gut gefällt und er sich wohl fühlt.

Vor allem hat er immer noch eine Meinung, er nimmt den Arsch huh, die Zäng ussenander – er bezieht Stellung. Verbal, optisch, beeindruckend direkt.
Im politischen Teil des Konzerts wird er deutlich.
Es ist ein Armutszeugnis für das reiche Europa, dass es Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, Seenotretter kriminalisiert und sich in kleinkarierte Streitereien auf den Gräbern der Toten verstrickt.
Unsere Demokratie ist längst nicht so gefestigt wie wir uns das immer vormachen. Das betrifft nicht nur Deutschland, es betrifft die USA, Großbritannien, die Türkei, Italien, Ungarn, Polen, Russland. Überall sind faschistoide Kräfte massiv auf dem Vormarsch oder sind bereits an der Macht. Die Bilder auf der Leinwand sind klar und deutlich: Höcke mit ausgestrecktem rechtem Arm, Trump, Gauland, Erdogan, Putin, Johnson, von Storch, Salvini, Weidel, Horváth…
Et rüsch noh Kristallnaach – jeden verdammten Tag in Deutschland.

Dann sind es die Dinge die das Leben schreibt. Diese unzerstörbaren Balladen über das Leben, die Liebe.

Ich komme mir vor wie der Zwanzigjährige der in der kleine Halle seiner Heimatstadt 1984 vor dieser niedrigen Bühne stand und ich bin es wieder – einfach glücklich.

Am Ende, der Kunstrasen leert sich, lehne ich mit einem letzten Bier an der Absperrung zur Bühne. Ich habe mir den einen Traum erfüllt und ich habe mir einen weiteren erfüllt. Ich kann mich einfach auf mein Fahrrad setzen, zum Kunstrasen fahren und abrocken. Kein Auto!

Ach ja, was hat es mit der 5555 zu tun?
Als ich nach dem Konzert über die Kennedybrücke zurückgefahren bin, sprang die dort installierte Anzeige, die die Anzahl der Fahrräder zählt, um.
Ich war an diesem Tag der 5.555ste Fahrradfahrer der die Kennedybrücke überquert hat.

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